30. September Tag der Legasthenie und Dyskalkulie

9/30/20264 min read

30. September – Tag der Legasthenie und Dyskalkulie

Anders lernen ist nicht weniger lernen

Lesen, Schreiben und Rechnen gehören zu den selbstverständlichsten Dingen unseres Alltags. Wir lesen Nachrichten, schreiben Einkaufslisten, rechnen Preise aus oder orientieren uns an Zahlen. Für viele Menschen laufen diese Fähigkeiten beinahe automatisch ab.

Für Kinder und Jugendliche mit Legasthenie oder Dyskalkulie kann genau das eine große Herausforderung sein.

Der 30. September erinnert daran, genauer hinzusehen: Hinter einer schwachen Rechtschreibleistung, stockendem Lesen oder Schwierigkeiten mit Zahlen steckt nicht einfach mangelnde Anstrengung. Lernprozesse können unterschiedlich verlaufen – und genau diese Unterschiede verdienen Verständnis, Zeit und passende Unterstützung.

Von „Du musst dich mehr anstrengen“ zu „Wie kannst du am besten lernen?“

Der gesellschaftliche Blick auf Lernschwierigkeiten hat sich im Laufe der Zeit verändert.

Lange wurden Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen häufig sehr schnell mit mangelndem Fleiß, fehlender Konzentration oder zu wenig Übung erklärt. Für betroffene Kinder konnte das bedeuten, dass sie trotz großer Anstrengung immer wieder das Gefühl bekamen, nicht gut genug zu sein.

Heute wissen wir wesentlich mehr darüber, dass Lernschwierigkeiten komplex sind und dass Kinder sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Lernwege mitbringen. Auch öffentliche Gesundheitsinformationen beschreiben beispielsweise Dyskalkulie als Schwierigkeiten beim Aufbau grundlegender Rechenfertigkeiten und weisen darauf hin, dass die allgemeine Intelligenz dabei nicht grundsätzlich beeinträchtigt sein muss.

Das verändert eine entscheidende Frage:

Nicht mehr nur: „Warum schafft dieses Kind das nicht?“
Sondern: „Was braucht dieses Kind, damit Lernen gelingen kann?“

Legasthenie und Dyskalkulie sagen nichts über das Potenzial eines Menschen aus

Ein Kind kann Schwierigkeiten mit Buchstaben haben und gleichzeitig außergewöhnlich kreativ sein.

Ein Kind kann beim Rechnen lange brauchen und gleichzeitig hervorragend logisch denken, Geschichten erzählen oder handwerkliche Zusammenhänge erkennen.

Ein Jugendlicher kann beim Schreiben viele Fehler machen und trotzdem über einen großen Wortschatz, Humor und bemerkenswerte Ideen verfügen.

Schulische Leistungen bilden immer nur einen Ausschnitt dessen ab, was einen Menschen ausmacht.

Gerade deshalb ist es wichtig, Kinder nicht auf ihre Schwierigkeiten zu reduzieren.

Ein Kind ist nicht „der schlechte Leser“.
Es ist ein Kind, das beim Lesen besondere Unterstützung benötigt.

Ein Kind ist nicht „schlecht in Mathe“.
Es ist ein Kind, das Zahlen und mathematische Zusammenhänge möglicherweise anders erschließt.

Diese Perspektive kann einen großen Unterschied machen.

Was sich in der Gesellschaft bereits verändert hat

Auch die gesellschaftliche und pädagogische Auseinandersetzung mit Legasthenie und Dyskalkulie ist sichtbarer geworden.

In Österreich gibt es inzwischen etablierte Beratungs- und Unterstützungsstrukturen. Das österreichische Gesundheitsportal nennt beispielsweise Lehrpersonen als erste Anlaufstelle bei einem Verdacht auf eine Lernschwäche und verweist auf die schulpsychologischen Beratungsstellen der Bildungsdirektionen.

Auch die professionelle Auseinandersetzung mit dem Thema hat sich weiterentwickelt. In Österreich besteht der Erste Österreichische Dachverband Legasthenie seit 1996; ausgehend von Klagenfurt entstand über die Jahre ein größeres Netzwerk rund um Legasthenie- und Dyskalkulietraining.

Und gerade 2026 zeigt sich, dass das Thema zunehmend auch im Bildungssystem an Bedeutung gewinnt: Der EÖDL berichtet, dass im Schuljahr 2026/27 erstmals offiziell Stellen für Legasthenie- und Dyskalkulietrainer:innen im Rahmen des Chancenbonus ausgeschrieben wurden.

Das bedeutet nicht, dass bereits alles erreicht ist.

Aber es zeigt:
Das Verständnis für unterschiedliche Lernvoraussetzungen wächst.

Von Defiziten zu Stärken

Bei Lernschwierigkeiten wird häufig sehr schnell darauf geschaut, was nicht funktioniert.

Wie viele Fehler wurden gemacht?
Wie langsam wurde gelesen?
Wie viele Rechenaufgaben wurden falsch gelöst?

Diese Beobachtungen sind für eine gezielte Förderung natürlich wichtig.

Doch genauso wichtig ist die andere Seite:

Was kann das Kind?
Was interessiert es?
Wofür lässt es sich begeistern?
Welche Strategien funktionieren bereits?
Wo erlebt es Erfolg?

Förderung sollte deshalb nicht nur bedeuten, Schwächen zu „reparieren“.

Sie sollte Kindern auch dabei helfen, ihre eigenen Fähigkeiten zu erkennen und Vertrauen in den eigenen Lernweg zu entwickeln.

Lernen darf individuell sein

Kein Kind lernt exakt gleich.

Manche Kinder brauchen mehr Zeit.
Manche benötigen Bewegung.
Manche profitieren von Bildern und Farben.
Andere brauchen viele Wiederholungen oder konkrete Materialien.

Und manche Kinder benötigen ganz gezielte Unterstützung beim Aufbau bestimmter Fähigkeiten.

Genau hier setzt individuelles Lerntraining an.

Bei Lernhelden Lerntraining geht es deshalb nicht darum, Kinder miteinander zu vergleichen.

Es geht darum, herauszufinden:

Wo steht das Kind gerade?
Was fällt ihm schwer?
Welche Ressourcen bringt es mit?
Und welcher Lernweg passt zu ihm?

Denn Lernen ist kein Wettlauf.

Ein Kind muss nicht schneller lernen als andere.

Es muss seinen eigenen Weg finden dürfen.

Warum dieser Tag wichtig ist

Ein Aktionstag allein verändert natürlich keine Lernbiografie.

Aber er schafft Aufmerksamkeit.

Vielleicht erkennt eine Mutter an diesem Tag, dass die Schwierigkeiten ihres Kindes mehr sind als „keine Lust auf Hausaufgaben“.

Vielleicht versteht ein Lehrer besser, warum ein Schüler trotz vieler Übungsstunden bestimmte Fehler immer wieder macht.

Vielleicht traut sich ein Jugendlicher, über seine Schwierigkeiten zu sprechen.

Und vielleicht erkennt ein Kind zum ersten Mal:

„Mit mir ist nichts falsch. Ich lerne einfach anders.“

Genau darin liegt für uns die Bedeutung dieses Tages.

Vielfalt ist eine Stärke

Legasthenie und Dyskalkulie sollten nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Defiziten betrachtet werden.

Sie erinnern uns vielmehr daran, dass Bildung nicht nach einem einzigen Maßstab funktionieren kann.

Kinder sind unterschiedlich.

Ihre Interessen sind unterschiedlich.
Ihre Stärken sind unterschiedlich.
Ihre Lernwege sind unterschiedlich.
Und auch ihr Tempo darf unterschiedlich sein.

Unsere Aufgabe als Eltern, Pädagog:innen und Gesellschaft ist es nicht, jedes Kind in dieselbe Form zu bringen.

Unsere Aufgabe ist es, Räume zu schaffen, in denen Kinder ihre Fähigkeiten entwickeln können.

Denn hinter jeder Lernschwierigkeit steht ein Mensch.

Mit Stärken.
Mit Interessen.
Mit Träumen.
Mit Potenzial.

Und genau das sollten wir sehen.

Lernhelden
Individuelle Lernwege. Stärken erkennen. Selbstvertrauen stärken.