Häufige Fehler bei Legasthenie

Jamnig Tiffany

4 min read

Häufige Fehler bei Legasthenie – Was Eltern wissen sollten

Viele Eltern fragen sich, warum ihr Kind trotz fleißigen Übens immer wieder dieselben Fehler macht. Wörter werden vertauscht, Buchstaben ausgelassen oder Texte nur stockend gelesen. Oft entsteht der Eindruck, das Kind sei unkonzentriert oder würde sich nicht genügend anstrengen.

Das ist jedoch nicht der Fall. Kinder mit Legasthenie müssen beim Lesen und Schreiben deutlich mehr geistige Ressourcen aufwenden als andere Kinder. Die Ursache liegt nicht in mangelnder Intelligenz oder Faulheit, sondern in einer anderen Verarbeitung sprachlicher Informationen im Gehirn.

Wichtig zu wissen ist außerdem: Nicht jedes Kind mit Legasthenie zeigt alle der folgenden Merkmale. Die Ausprägung ist individuell und kann sehr unterschiedlich sein.

Häufige Auffälligkeiten beim Schreiben

  • Schlecht leserliches Schriftbild

    Die Handschrift wirkt häufig unruhig oder schwer lesbar.

    Beispiel: Buchstaben sind unterschiedlich groß, schief oder kaum voneinander zu unterscheiden.

  • Stockender Schreibrhythmus

    Das Schreiben erfolgt langsam und mit häufigen Unterbrechungen.

    Beispiel: Das Kind hält nach fast jedem Buchstaben inne und überlegt, wie es weitergeht.

  • Uneinheitliche Größe der Buchstaben

    Große und kleine Buchstaben wechseln ständig ihre Größe.

    Beispiel: HaUs, ScHuLe, baLL,

  • Ungenaue Formwiedergabe

    Einzelne Buchstaben werden unvollständig oder falsch geschrieben.

    Beispiel: a ähnelt einem o, e wird nicht geschlossen, g oder y werden unvollständig dargestellt

  • Unsicherheit bei Richtungsänderungen

    Besonders Buchstaben mit mehreren Bögen bereiten Schwierigkeiten.

    Beispiel: m, n, h, k oder f werden häufig falsch aufgebaut

  • Häufiges Absetzen beim Schreiben

    Das Kind schreibt Buchstaben nicht flüssig. Statt eines zusammenhängenden Wortes entstehen viele einzelne Bewegungen.

  • Groß- und Kleinbuchstaben werden gemischt

    Innerhalb eines Wortes wechseln Groß- und Kleinbuchstaben.

    Beispiel: ScHuLe, FrEuNd

  • Schwierigkeiten beim Wechsel zur Schreibschrift

    Viele Kinder bleiben deutlich länger bei der Druckschrift oder vermischen beide Schriftarten.

    Beispiel: Ein Teil des Wortes wird in Druckschrift geschrieben, der Rest in Schreibschrift.

  • Auffälligkeiten bei der Raumeinteilung

    Schwierigkeiten beim Zeilenbeginn. Das Schreiben beginnt nicht automatisch links.

    Ungleiche Buchstabenabstände- Die Buchstaben stehen zu weit auseinander oder kleben zusammen.

    Beispiel: H a u s, Hausistschön

  • Ungleiche Wortabstände

    Zwischen den Wörtern fehlen Abstände oder sie sind sehr unterschiedlich.

  • Schreiben über oder unter der Zeile

    Viele Buchstaben "tanzen" auf der Linie.

  • Zusammengedrängtes Schreiben

    Zum Ende einer Zeile oder Seite wird die Schrift immer kleiner und enger.

    Allgemeine Auffälligkeiten

  • Langsames Schreibtempo

    Das Schreiben dauert wesentlich länger als bei gleichaltrigen Kindern.

  • Angespanntes Verhalten

    Viele Kinder wirken beim Schreiben: angespannt, unsicher, nervös, schnell frustriert oder auch ängstlich. Das Schreiben bedeutet für sie häufig eine große Anstrengung.

  • Langsamer Aufbau des Schriftwortschatzes

    Häufig vorkommende Wörter werden trotz vieler Wiederholungen nicht dauerhaft gespeichert.

  • Schwierigkeiten beim richtigen Anwenden von Buchstaben

    Buchstaben werden vertauscht oder falsch eingesetzt oder häufiges verwechseln ähnlich aussehender Buchstaben.

    Beispiele: b – d, p – q, h – k, E – F

  • Schwierigkeiten bei ähnlich klingenden Lauten

    Beispiele: d – t, b – p, g – k

  • Verwechseln lageabhängiger Buchstaben

    Manche Buchstaben unterscheiden sich fast nur durch ihre Lage.

    Beispiele: M ↔ W, Z ↔ N

  • Spiegelverkehrtes Schreiben

    Buchstaben oder Zahlen werden spiegelverkehrt geschrieben.

    Beispiel: b statt d, 3 spiegelverkehrt

  • Verwechseln harter und weicher Konsonanten

    Beispiele: Paket → Baget, Dose → Tose

  • Fehler bei Dehnung und Schärfung

    Die Länge eines Lautes wird falsch geschrieben.

    Beispiele: komen statt kommen, Feler statt Fehler, Stul statt Stuhl

  • Fehler bei Groß- und Kleinschreibung

    Beispiel: ich Gehe in die schule.

  • Schwierigkeiten mit dem 3. und 4. Fall

    Beispiel: Ich sehe dem Hund. statt Ich sehe den Hund.

  • Verwechslung von n und m

    Beispiele: komen statt kommen, nimt statt nimmt

  • Auslassen von Buchstaben oder Silben

    Beispiele: Schmetterling → Schmetling

  • Anfangs- oder Endauslassungen

    Beispiele: Tisch → isch, Blume → Blum

  • Auslassen von i-Punkten oder Umlautstrichen

    Beispiele: Muller statt Müller, Tur statt Tür

  • Nachträgliches Ergänzen fehlender Buchstaben

    Kinder bemerken Fehler erst später und ergänzen Buchstaben zwischen bereits geschriebenen Buchstaben.

  • Hinzufügen von Buchstaben oder Silben

    Beispiele: Belech statt Blech, gespiellet statt gespielt

  • Verdoppelung des Wortanfangs

    Beispiel: aaber

  • Unnötige Buchstabenverdoppelungen

    Beispiel: Schullle, Balll

  • Buchstabenreihenfolge wird vertauscht

    Beispiele: lieb → leib, mit → tim, Treppe → Terppe

  • Wörter werden vertauscht

    Beim Schreiben werden Wörter in der falschen Reihenfolge notiert.

  • Fehlerhafte Worttrennung

    Beispiele: zu hause statt zuhause

Auffälligkeiten beim Abschreiben

Das Abschreiben stellt hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Merkfähigkeit.

Typische Merkmale sind:

  • häufiges Hin- und Herschauen zur Vorlage

  • Mitsprechen oder Vorsagen des Textes

  • häufiges Verlieren der Zeile

  • fehlerhafte Übernahme von Buchstaben

  • Auslassen ganzer Wörter

  • Schwierigkeiten, Gesehenes direkt schriftlich umzusetzen

  • Nichtbeachtung der vorgegebenen Zeilen oder Abstände

Auffälligkeiten beim Lesen

  • Schwierigkeiten beim Erlernen der Buchstaben

    Buchstaben werden trotz häufigen Übens nicht sicher erkannt.

  • Probleme beim Zusammenlauten

    Das Verbinden einzelner Laute gelingt nur langsam.

    Beispiel: B...a...u...m anstatt Baum

  • Stockendes Lesen

    Das Lesen erfolgt sehr langsam. Viele Wörter werden einzeln entschlüsselt.

  • Häufiges Verlieren der Zeile

    Das Kind springt in die falsche Zeile oder liest dieselbe Zeile zweimal.

  • Wörter werden erfunden

  • Nicht erkannte Wörter werden ersetzt.

    Beispiel: Auto wird zu Lastwagen.

  • Auslassen oder Hinzufügen von Buchstaben

    Beispiele: Blume → Blumee, Fenster → Fester

  • Verwechseln von Buchstaben

    Beispiele: b ↔ d, p ↔ q, m ↔ n

  • Buchstaben werden vertauscht

    Beispiele: Brief → Birfe

  • Schwierigkeiten bei ähnlich aussehenden Wortbildern

    Beispiele: Haus, Maus, Laus werden häufig verwechselt.

  • Verwechslung von Dehnung, Schärfung und Lauten

  • Das Lesen erfolgt oft ungenau.

    Dadurch verändert sich die Bedeutung eines Wortes.

  • Eingeschränktes Textverständnis

    Da sehr viel Aufmerksamkeit für das Entschlüsseln der Wörter benötigt wird, bleibt häufig wenig Kapazität für das eigentliche Textverständnis.Das Kind kann einen Text korrekt vorlesen, weiß anschließend aber nicht, worum es ging.

  • Häufig vorkommende Wörter werden nicht dauerhaft gespeichert

    Viele Wörter müssen immer wieder neu erlesen werden.

Kleine Begriffserklärung

Selbstlaute (Vokale)

Selbstlaute sind die Buchstaben: A – E – I – O – U. Sie können alleine einen Laut bilden.

Umlaute

Die Umlaute sind: Ä – Ö – Ü. Sie entstehen aus den Vokalen und haben einen eigenen Laut.

Mitlaute (Konsonanten)

Mitlaute sind alle übrigen Buchstaben des Alphabets. Zum Beispiel: B, C, D, F, G, H, K, L, M, N, P, R, S, T ...
Sie benötigen immer einen Selbstlaut, damit eine Silbe entsteht.

Harte und weiche Konsonanten

Einige Konsonanten klingen sehr ähnlich und werden deshalb häufig verwechselt.

Harte Konsonanten: P – T – K

Weiche Konsonanten: B – D – G

Zwielaute (Diphthonge)

Zwielaute bestehen aus zwei Vokalen, die zusammen einen Laut bilden. Beispiele:

  • ei (Bein)

  • ai (Mai)

  • au (Haus)

  • eu (Freund)

  • äu (Bäume)

Diese Lautverbindungen bereiten Kindern mit Legasthenie häufig besondere Schwierigkeiten.

Fazit

Legasthenie zeigt sich weit über das bloße Vertauschen einzelner Buchstaben hinaus. Die Schwierigkeiten betreffen häufig die Wahrnehmung, die Verarbeitung von Lauten, das Lesen, Schreiben und die räumliche Orientierung auf dem Papier. Gleichzeitig unterscheiden sich die Ausprägungen von Kind zu Kind erheblich. Während manche Kinder vor allem beim Lesen auffallen, zeigen andere hauptsächlich Schwierigkeiten beim Schreiben oder bei der Rechtschreibung.

Eine frühzeitige Diagnostik und individuell abgestimmte Förderung helfen dabei, die Ursachen der Schwierigkeiten zu erkennen und gezielt an den betroffenen Bereichen zu arbeiten. Ebenso wichtig ist es, die vorhandenen Stärken eines Kindes wahrzunehmen und zu fördern – denn Legasthenie sagt nichts über Intelligenz, Begabung oder das Potenzial eines Menschen aus.